
Als ich vor 25 Jahren ins ZEGG kam, war ich mit 35 Jahren eine der Jüngeren. Die Generation der Projektgründer:innen war im Durchschnitt etwa sieben Jahre älter – ein Altersunterschied, der gut überbrückbar war. Es brauchte Zeit, meinen Platz zu finden und aus dem Gefühl des „Neu-und-Jung-Seins“ herauszuwachsen, doch es war gut möglich.
Heute sieht die Situation anders aus: Wer heute mit 35 Jahren einsteigt, trifft auf eine Gemeinschaft, in der etwa ein Drittel der Menschen über 60 ist – und auf ein Projekt, das seit 34 Jahren besteht. Ein Projekt mit Konflikten, mit Höhen und Tiefen, aber auch mit erstaunlicher Lebenskraft. Was die einen Resilienz nennen, erleben andere als einen schwerfälligen Dampfer, der sich nicht leicht in neue Bahnen lenken lässt. Beides ist wahr: Wir haben viele Krisen überstanden – und stabile Strukturen lassen sich nicht einfach verändern.
Was sind nun Themen zwischen den Generationen?
Eine neue Herausforderung zeichnet sich deutlich ab: Immer mehr Menschen können ihre Energie nicht mehr in der gleichen Weise einbringen wie früher. Alter und Krankheit fordern ihren Tribut. Viele arbeiten noch bis in ihre 70er hinein mit – oft auch deshalb, weil es an Jüngeren fehlt, die Aufgaben übernehmen können.
In der diesjährigen Dezember-Intensivzeit haben wir uns bewusst Raum für diese Fragen genommen. In einem Fishbowl-Gespräch teilten Menschen unterschiedlicher Generationen ihre Schwierigkeiten, Wünsche und Geschenke – und wurden von den jeweils anderen bezeugt. Hier einige Stimmen aus diesen Gesprächen:
Stimmen der Älteren (>60) im ZEGG:
- Wir halten das Gefäß, die Jüngeren machen ihre Experimente.
- Wir haben unsere Experimente gemacht – und wünschen uns, dass akzeptiert wird, wenn wir nicht mehr alles Neue mitmachen.
- Ich möchte die Jüngeren zu mehr Ausdauer einladen.
- Wir haben viel Wissen gesammelt und würden gern öfter gefragt werden.
- Wir sind geprägt davon, zu tun, was gebraucht wird. Manchmal wünsche ich mir von den Jüngeren mehr Verbindlichkeit – und feiere zugleich, dass sie andere Werte leben.
- Wenn wir immer alles besser wissen, können Neue keine Verantwortung übernehmen. Wir müssen Raum lassen, ohne beliebig zu werden.
- Ich kann mir keine bessere Alternative vorstellen als Gemeinschaft – besonders darin, wie Menschen hier begleitet wurden bis hin zum Sterben.
Stimmen der Jüngeren im ZEGG (<42):
- Wir sind noch am Ankommen und froh, noch nicht so viel Verantwortung zu tragen. Manchmal gibt es Schuldgefühle, weil so viel zu tun ist – und gleichzeitig Dankbarkeit für das Tempo, das uns hier zugestanden wird.
- Ich wünsche mir, dass ein Leben mit Kindern stärker in den Fokus rückt – dass das ZEGG ein Ort für Eltern und Kinder wird.
- Wir machen das ZEGG anschlussfähiger an die jüngere Generation, übersetzen die Vision in die Sprache der Jüngeren.
- Ich habe viele Gleichaltrige kommen und gehen sehen. Das erzeugt den inneren Satz: „Mal sehen, wer bleibt.“ Und ich merke, wie sehr dieser Glaubenssatz das Feld prägt.
- Mich zieht an, dass hier Menschen mit so viel Erfahrung leben.
- Wir kommen mit viel Kompetenz und wollen Verantwortung, und wir wollen unseren ganz eigenen Weg finden dürfen.
- Wohnraum ist ein großes Thema – besonders für Jüngere. Viele sind gegangen, weil sie keinen guten Ort zum Wohnen gefunden haben.
- Wenn ich meine Arbeitskraft einbringe, brauche ich auch einen finanziellen Ausgleich, sonst fehlt mir die Luft zum Atmen.
- Ich wünsche mir Kontakte in meinem Alter – und gleichzeitig ein generationenübergreifendes Miteinander, in dem wir uns gegenseitig hören und unterstützen.
Und natürlich gibt es auch die ganz Jungen: Kinder und Jugendliche. Sie waren in den inhaltlichen Teilen der Intensivzeit nicht vertreten – ihre Stimmen fehlen bisher.
Wir Mittleren stehen zwischen den Generationen. Wir verstehen die Älteren, die viel gegeben haben, Anerkennung wünschen und zurücktreten dürfen wollen. Und wir verstehen die Jüngeren, die mit höheren materiellen Bedürfnissen kommen, Verantwortung auf ihre Weise übernehmen möchten und gleichzeitig oft nicht nachvollziehen können, warum heute mehr Einsatz von ihnen erwartet wird als von den Älteren. Ihre individuellen Lebensentwürfe führen sie zudem nicht selten nach einigen Jahren weiter.
Was das gemeinschaftliche Leben ausmacht
Unser gemeinschaftliches Leben orientiert sich an anderen Werten als die „normale“ Welt. Wir verdienen weniger – und brauchen auch weniger. Vieles, wofür man anderswo bezahlt, ist hier Teil des Alltags: Sauna, Disco, Filmabende, Yoga, Meditation, Mantrasingen, Workshops. Wir leben einen ökologischen Alltag, den Einzelhaushalte kaum stemmen könnten. Doch das Wertvollste ist unbezahlbar: Nähe, Verständnis, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Lernen.
Auch im Miteinander der Generationen stehen wir mitten in einem Lern- und Entwicklungsprozess. Die Zukunft braucht jüngere Menschen. Mit dem Haus der Möglichkeiten (www.hausdermöglichkeiten.de) wird Wohnraum für junge Familien entstehen. Wir haben im ZEGG einen wunderbaren Ort geschaffen, der Freiraum bietet, Leben gemeinsam neu zu gestalten. Wie genau das gelingt, ist noch nicht fertig – und darf gemeinsam wachsen.
von Barbara Stützel
P.S.: Auch dieses Jahr können Menschen bis 35 Jahre für den Gemeinschaftskurs Stipendien beantragen (s. Homepage Gemeinschaftskurs)