MiNaMe3 Andreas Zierhut 777

(Foto: Andreas Zierhut)

Wahrscheinlich hast Du bereits mitbekommen, dass sich das ZEGG seit Längerem mit Fragen des Generationswechsels und der Zukunft unseres Platzes beschäftigt. Es ist ein Thema, das uns schon seit einigen Jahren begleitet – mal leiser, mal lauter. Im vergangenen Jahr hat dieser Prozess jedoch spürbar an Fahrt aufgenommen.

Im Laufe der vergangenen Monate wurde immer deutlicher, dass es in unserer Auseinandersetzung mit der Zukunft des ZEGG nicht nur um wirtschaftliche Fragen oder Gebäude geht. Im Kern geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben? Was braucht unsere Gemeinschaft, um auch für kommende Generationen ein lebendiger Organismus zu bleiben? Und welche Entscheidungen dürfen wir heute treffen, damit das ZEGG auch morgen noch ein Ort ist, an dem Zukunft gestaltet wird? Ein Ort, an dem Menschen Verantwortung übernehmen, neue Formen des Zusammenlebens erproben und einen Beitrag für das Ganze leisten. Ein Ort, der weit über seine eigenen Grenzen hinaus wirkt – indem er Menschen inspiriert und Erfahrungen weitergibt zu Gemeinschaft, Ökologie, Frieden sowie bewusstem und nachhaltigem Leben.

Diese Fragen lassen sich nicht mit einem einzelnen Beschluss beantworten. Sie brauchen Zeit. Sie brauchen viele Gespräche, unterschiedliche Perspektiven und manchmal auch den Mut, Gewohntes zu hinterfragen. Genau darum geht es in unserem Transformationsprozess. Denn Transformation hat selten etwas Spektakuläres. Sie geschieht nicht in einem einzigen großen Moment, sondern in vielen kleinen Schritten. In Gesprächen. Im Ringen um gute Entscheidungen. Im Zuhören. Im gegenseitigen Mitnehmen. Im Loslassen vertrauter Gewohnheiten. Und manchmal auch darin, auszuhalten, dass der nächste Schritt noch nicht ganz sichtbar ist.

Mit diesem Artikel möchten wir Euch als Menschen, die das ZEGG kennen und unterstützen, einen kleinen Einblick in diesen Prozess geben – erzählen, was uns bewegt hat, welche Erkenntnisse bisher entstanden sind und warum wir trotz notwendiger Veränderungen und Herausforderungen mit Zuversicht auf das schauen, was vor uns liegt.

Transformationsprozess ZEGG

Der Anfangsimpuls

Während einer September-Gemeinschaftsintensivzeit haben wir gemeinsam mit Jascha Rohr einen Ressourcen-Engpass im ZEGG identifiziert. Aus dieser Erkenntnis heraus entschied die Gemeinschaft, einen mehrjährigen Transformationsprozess zu beginnen. Der Prozess soll uns dabei unterstützen, Schritt für Schritt aus dem Ressourcen-Engpass in eine Ressourcen-Fülle hineinzuwachsen.

Damit uns dies gelingen kann, wurde ein gemeinschaftlich gewähltes Trafo-Team etabliert. Dieses Team besteht aus Veronika Ohler, Silke Grimm, Alexander Kobs, Dirk Adams und Lena Bussinger. Ihre Aufgabe ist es, den Prozess zu begleiten, Entwicklungen vorzubereiten, Zusammenhänge sichtbar zu machen und die Gemeinschaft dabei zu unterstützen, tragfähige Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungen selbst entstehen weiterhin gemeinsam – in unseren Kreisen, in den Intensivzeiten und in den Versammlungen der Gemeinschaft.

Der Prozess nimmt Gestalt an

Mit dem Beginn des Transformationsprozesses stellte sich die Frage, wie die vielen Herausforderungen des ZEGG sinnvoll miteinander verbunden werden können. Hier gaben die bereits bestehenden Beschlüsse der Gemeinschaft zur Klimaneutralität und zur ökonomischen Transformation einen wichtigen Orientierungsrahmen. In der ersten Phase richtete sich der Blick deshalb vor allem auf die wirtschaftliche Situation. Dabei zeigte sich, dass sich die Einnahmen aus dem Seminarbetrieb nur noch begrenzt steigern lassen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die personellen Kapazitäten fehlen, um neue Geschäftszweige zu entwickeln und zu etablieren. Daraus entstand die Erkenntnis, dass eine behutsame Vergrößerung der Gemeinschaft derzeit der gangbarste Weg ist, die personellen und wirtschaftlichen Grundlagen des ZEGG langfristig zu sichern. So rückte zunehmend auch die Frage in den Mittelpunkt, welche Rolle die Größe und Altersstruktur unserer Gemeinschaft für die Zukunft des ZEGG spielt. Im Laufe des Prozesses entstanden aus der gemeinsamen Arbeit zusätzlich der Wachstums- und der Familienbeschluss.

Um die Auswirkungen der Beschlüsse besser verstehen und die dahinterliegenden Bedürfnisse sichtbar zu machen, initiierte das Trafo-Team mehrere Priorisierungstreffen mit Vertreter*innen verschiedener Verantwortungsbereiche. Dort wurde deutlich, dass sich die einzelnen Vorhaben und Beschlüsse nicht gegeneinander priorisieren lassen. Stattdessen entstand eine Zeitlinie bis 2035, die heute Orientierung für die Reihenfolge der nächsten Umsetzungsschritte gibt. Auf ihrer Grundlage werden einzelne Vorhaben – etwa das Kaltstellen von Gebäuden, die Umwidmung von Wohnraum oder die Aufnahme neuer Gemeinschaftsmitglieder – in den Kreisen vorbereitet und anschließend in den zuständigen Gremien beraten und beschlossen. Ein weiterer wichtiger Baustein sind themenspezifische MiNaMis. Sie dienen nicht nur der Weitergabe von Informationen, sondern schaffen auch Raum für Gedanken, Gefühle und Fragen, die der Prozess in vielen Menschen auslöste. Gleichzeitig entstehen dort neue Ideen, Initiativen und Formen der Mitgestaltung. Durch den Einbezug der Gesamtgemeinschaft wird der Transformationsprozess nicht nur von einzelnen Menschen geplant, sondern die konkrete Maßnahmenplanung Schritt für Schritt von der Gemeinschaft mit Leben gefüllt.

Heute orientiert sich der Transformationsprozess an diesen vier Beschlüssen (Klima-, Wachstums-, Familien- und ökonomischer Transformationsbeschluss). Gemeinsam helfen sie uns, die Gesundheit der Menschen im ZEGG, unsere Gebäudesubstanz, unsere wirtschaftliche Situation und die Frage, wofür das ZEGG in Zukunft stehen möchte, miteinander in den Blick zu nehmen.

Drei Erkenntnisse auf unserem Weg

Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, nehmen wir vor allem drei zentrale Erkenntnisse mit:

Alles hängt mit allem zusammen.
Zu Beginn schien es, als hätten wir es mit vielen einzelnen Herausforderungen zu tun – wirtschaftlichen Fragen, Gebäuden, Klimazielen oder der Gesundheit der Gemeinschaft. Im Laufe des Prozesses wurde jedoch immer deutlicher, wie eng all diese Themen miteinander verwoben sind. Wenn wir Gebäude sanieren oder stilllegen, berührt das unsere Klimaziele und unsere Finanzen. Wenn Menschen dauerhaft überlastet sind, betrifft das die Kraft der gesamten Gemeinschaft. Diese Zusammenhänge mitzudenken ist heute Grundlage des Transformationsprozesses.

Zukunft entsteht durch Menschen.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit entsteht nicht allein durch neue Einnahmequellen, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen, Ideen entwickeln und diesen Ort mit Leben füllen. Deshalb verstehen wir den Wachstums- und den Familienbeschluss nicht als Selbstzweck. Sie sind Ausdruck des Wunsches, neue Menschen einzuladen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit uns die Zukunft des ZEGG zu gestalten.

Gute Entscheidungen brauchen Zeit.
Nicht alles lässt sich beschleunigen. Manche Fragen brauchen Zeit, Gespräche und gemeinsames Reifen. Das hat sich auch bei der Verschiebung unseres Neubaus auf 2028 gezeigt. Was sich zunächst wie eine Verzögerung anfühlte, schenkt uns heute wertvolle Zeit, um soziale Prozesse und das zukünftige Zusammenwohnen sorgfältig vorzubereiten – etwa die großen Wohnbewegungen, die mit dem Neubau möglich werden. Nicht jede Verzögerung ist ein Rückschritt – manchmal entsteht gerade dadurch der Raum, den gute Entwicklungen brauchen.

Gerade in Begegnungen wie den MiNaMis haben wir erlebt, dass Transformation nicht in Konzepten entsteht, sondern zwischen Menschen. Dort, wo wir einander zuhören, unterschiedliche Sichtweisen ernst nehmen, Sorgen und Hoffnungen teilen und gemeinsam nach neuen Wegen suchen, wächst Schritt für Schritt etwas Neues.

Transformationsprozess September Intensivzeit 2025

Transformation ist kein starrer Plan, sondern ein lebendiger Prozess

Bisher haben wir unsere Ressourcen für die Zukunft nicht vollständig sichern können - aber wer kann das schon. Aber wir spüren, dass wir als Gemeinschaft weiter wachsen, dass wir immer mehr lernen, genau hinzuschauen, einander zuzuhören und gemeinsam Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen.

Dass wir heute mit Zuversicht nach vorne blicken können, verdanken wir dem Engagement vieler Menschen im ZEGG – und ebenso Euch als Freund*innen, Wegbegleiter*innen und Unterstützer*innen. Euer Vertrauen, Euer Interesse und Eure Verbundenheit geben uns Rückenwind. Danke, dass Ihr an unserer Seite seid und dazu beitragt, dass das ZEGG auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Menschen gemeinsam neue Wege des Zusammenlebens gestalten und erproben.

Von Sina Marie Brendel