
Walter Jäger, einer unserer Ältesten und im ZEGG fast nur unter dem Namen Lokiano bekannt, ist am 26. September nach langer schwerer Krankheit in seinem Bett im ZEGG friedlich eingeschlafen. Im Oktober hätte er seinen 83. Geburtstag feiern können.
Lokiano war bis ins hohe Alter noch sportlich aktiv, spielte regelmäßig Tennis, gelegentlich auch noch Volleyball, ging in die gemeinschaftliche Sauna. Doch vor vier Jahren hatte ihn eine Corona-Infektion recht heftig ‚erwischt‘. Eine schon bestehende Parkinson-Erkrankung bekam dadurch einen neuen Schub, und so ging es seitdem mit seinen Lebenskräften sehr kontinuierlich bergab. Das letzte Jahr hatte er fast ausschließlich in seinem Pflegebett verbracht, versorgt von Mitgliedern der -Gemeinschaft und einem ambulanten Pflegedienst, der dreimal täglich kam.
Vor 23 Jahren kam Lokiano ins ZEGG, damals knapp 60jährig. Natürlich hatte er schon ein ‚Leben vor dem ZEGG‘, von dem wir allerdings auffällig wenig wissen: In frühen Jahren Leistungssportler (Leichtathletik), Karriere als Ingenieur mit Schwerpunkt IT-Technik, zwei Kinder, zwei Enkeltöchter…

Kurz vor seinem Einstieg im ZEGG muss es einen ziemlich radikalen Bruch mit dem bisherigen Leben gegeben haben: Er wendete sich dem Tantra zu, nahm regelmäßig teil an den Jahrestreffen der schamanischen ‚Earth Lodge‘, begann zu malen und Musik zu komponieren – und zog ins Ökodorf ZEGG ein. Mit seiner Familie hatte er seitdem ausgesprochen wenig Kontakt.
Wir lernten ihn kennen als einen Menschen mit ausgesprochen vielfältigen Begabungen: Versiert im Umgang mit der Informationstechnologie, kenntnisreich, was kaufmännische und organisatorische Abläufe angeht, geschickt im Umgang mit Werkzeugen, so dass er viele Jahre im Bau und Geländeteam mitarbeitete (und damit mein Kollege war), begabt als Maler und als autodidaktisch ausgebildeter Musiker und Komponist. Für die Earth-Lodge hat er jahrelang als Kassenwart gewirkt und war unterstützend dabei mit „großväterlicher Energie“ (Earth-Lodge). Im ZEGG hat er sich verdient gemacht um den Ausbau des LAN-Netzwerks in unseren Gebäuden und durch viele schöne kleinere Holzarbeiten, zum Beispiel in unseren ‚Liebeshütten‘.
Dennoch hatte er es nicht einfach mit der ZEGG-Gemeinschaft – und wir nicht mit ihm. Er war und blieb der Typ ‚einsamer Wolf‘, ließ wenige Menschen nah an sich heran, hatte in all den Jahren kaum tragfähige Freundschaften aufgebaut. Einen Gemeinschaftskurs zu machen habe er nicht nötig – wenn überhaupt, dann würde er im Leitungsteam mitarbeiten, verkündete er schon bei seinem Einzug. Und er kam damit durch, obgleich das schon damals nicht in Einklang stand mit den üblichen Regeln im ZEGG.

So sehr er in der meisten Zeit seines Lebens auf Autonomie bedacht war, so gab es doch in den letzten Jahren einen erstaunlichen Wandel: Ans Bett gefesselt genoss er es ganz offenkundig, in diesem letzten Lebensabschnitt vollumfänglich versorgt zu werden. Ich gehörte zu denen, die ihn im letzten Jahr relativ nah begleitet haben: Nie habe ich auch nur eine Spur von Lebens-Müdigkeit empfunden. Über das Sterben wollte er nie sprechen – auch als das Herannahen des Todes schon sehr absehbar schien und er am Schluss durchgängig gefüttert werden musste. Aber es wirkte eindeutig so, als hätte er seinen Frieden damit gefunden.
Georg Lohmann